Die Musikindustrie
28/2/2005Morgens halb 10 in einem Grossraumbüro. Ein Big Boss der MI sitzt an seinem Mahagoniholzschreibtisch und pafft an seiner Zigarre, ein fieses Grinsen auf dem Gesicht. Es ist still, abgesehen von dem leisen Rauschen der Deckenventilatoren
und dem monotonen Rattern der Geldzählmaschinen. Plötzlich bittet eine grosse Radarschirmähnliche Anzeigetafel, wie man sie aus Filmen kennt, mit einem verhaltenen piepsen um Aufmerksamkeit. Ein Punkt, der nach der Kartenähnlichen Anzeige in Westeuropa liegt, leuchtet auf, begleitet von einem leisen “ping”. Nach und nach werden weitere Ereignisse sichtbar und es pingt nun fast im Sekundentakt. Es wird hektisch, mehrere dunkel gekleidete Personen mit Krawatten stürmen ins Büro.
Big Boss: “Was ist das?”
Krawattenmann 1: “Es ist ein Umsatz ausserhalb der üblichen Vertriebsmassnahmen!”
Krawattenmann 2: “Wie ist das möglich?”
Krawattenmann 3: “Oh mein Gott! Das ist das Ende der CD!!”
Dem Big Boss weicht das fiese Lächeln aus dem Gesicht, er sieht jetzt eher aus wie ein Pudel beim nichtigen Versuch die Situation zu begreifen.
Big Boss: “Tun sie was!”
Krawattenmann 1: “Es muss einen Grund geben, warum diese Leute die CD nicht kaufen…”
Er kramt seinen PDA aus der Tasche und blättert durch Listen. Schliesslich erkennt er: “Ein grossteil dieser Downloads entfällt anscheinend auf CDs, die wir ausschliesslich kopiergeschützt ausliefern. Vielleicht war das doch nicht so eine gute Idee mit diesem Kopiers…” - “RAUS!!” Wird er harsch vom Big Boss unterbrochen: “Das war jetzt das letze Mal mit ihrer Querdenkerei! Sie können sich bei meiner Sektretärin ihren letzten Scheck holen!” Mit geknickter Haltung entfernt sich der unglückliche aus dem Büro, die restlichen Krawattenmänner sind sichtlich verunsichert und wagen es nicht zu sprechen.
Auf dem Gesicht des Big Bosses bildet sich langsam - Stück für Stück -das fiese Grinsen wieder, während er offensichtlich nachdenkt. “Einen Moment” sagt er schliesslich. “Diese Leute müssen doch für diese Downloads bezahlen, richtig?” - “Ja” antwortet Krawattenmann 2, “Aber die Verdienstmargen sind für uns 4% geringer als bei einer Vollpreis-CD.”
Krawattenmann 3 fährt fort: “Für den Endkunden ist der Download eines Albums etwas günstiger als der Kauf einer CD, kostet aber immer noch an die 10 Euro.” Auf dem Gesicht des Big Bosses steht nun ein deutlich ausgeprägtes Grinsen: “Sie haben also doch noch Geld… Unglaublich, das übertrifft die künsten Erwartungen der Marketingabteilung. Die haben mir doch allen Ernstes weismachen wollen, dass die Leute einfach kein Geld mehr haben für Unterhaltung. Jetzt wo wir wissen dass die Kuh Milch gibt: Lasst sie uns melken!”
Und 10 Krawattenmänner stehen jubelnd um die Anzeigetafel und schreien: “melken! melken! melken!…”
(c) Michael Rudolf / ger.ct





